A Californian Dream
Im Schuljahr 1996/1997 war ich Austauschschülerin in Half Moon Bay, Kalifornien - und zwar mit allem, was dazu gehört: Besuch einer High School, Tennis- und Leichtathletikteam, Spanish-Club, Aufenthaltsverlängerung, Gastfamilienwechsel, Reisen durch die USA, Thanksgiving, typisch amerikanischen Weihnachten, Homecoming, Winterball und Prom und natürlich auch ab und zu mit ein paar kleinen Problemen…
Doch wahrscheinlich sollte ich zuerst einmal erzählen, was mich dazu bewogen hat, ein ganzes Jahr im Ausland zu verbringen: weg von Familie und Freunden, raus aus meiner vertrauten Umgebung in ein Land, in dem ich nie zuvor gewesen war. Um ehrlich zu sein habe ich diese Entscheidung meiner Cousine und meinem Cousin zu verdanken, die beide zwei Jahre vor mir als Austauschschüler in der Weltgeschichte unterwegs gewesen waren. Ich hatte eigentlich nie zuvor daran gedacht, mich selber auf ein so großes Abenteuer einzulassen. Doch als die beiden nach ihrem Auslandsaufenthalt zurückkamen und so begeistert davon erzählten, habe ich zwei Tage später - ohne großartig darüber nachzudenken - meine Bewerbungsunterlagen bei einer Austauschorganisation eingereicht.
Ich gehörte zu den wenigen Glücklichen, die schon einige Monate vor der Ausreise platziert wurden und als ich die Gastfamilieninformation von meiner Organisation bekam, war ich völlig aus dem Häuschen: “Meine Familie” lebte in Half Moon Bay, einem kleinen Städtchen, ca. 26 Meilen südlich von San Francisco, direkt an der Pazifikküste. Was für ein Traum!
Besuch im Yosemite National ParkMit zwei weiteren Austauschschülern meiner Organisation flog ich Ende August dann endlich nach San Francisco, wo mich meine Gastfamilie mit Blumen und Ballons am Flughafen empfing! Es war ein tolles Gefühl, nach einem 10-Stunden-Flug endlich am Ziel zu sein. Kaum einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, habe ich mich sofort wohl gefühlt! Amerika, das war “mein Land”: die Gastfreundschaft, das amerikanische Essen (stolze 8 kg habe ich in den ersten fünf Monaten zugenommen!), die riesigen Shoppingmalls, überhaupt der ganze American way of life! Selbst die Footballregeln habe ich irgendwann verstanden…
Meine erste Gastfamilie war toll: Ich hatte zwar eine Gastschwester, mit der ich mich nicht so gut verstanden habe, aber dafür war das Verhältnis zu meinen Gasteltern um so besser. Meine Gastmutter hatte schon vor meiner Einreise mit dem Tenniscoach gesprochen und so ging ich bereits am ersten Tag nach meiner Ankunft (noch eine Woche vor Schulbeginn) zum Tennistraining. Das war mit Sicherheit das Beste, was ich tun konnte, denn so kannte ich schon am ersten Schultag einige Leute und stand nicht völlig verloren auf dem Campus herum.
Nach einiger Zeit war ich an meiner High School bekannt wie eine bunter Hund: eine Austauschschülerin aus Deutschland - das spricht sich rum. Begrüßungen wie: “Hey, are you the girl from Germany?” standen auf dem Wochenplan und ich hatte keine Ahnung, wer mich da gerade so nett ansprach - nie gesehen! Überhaupt sind die Amerikaner sehr gastfreundlich und hilfsbereit und wenn sie erfahren, dass man Austauschschüler ist, sind die meisten sehr interessiert. Auf einmal hat jeder einen entfernten Verwandten aus Deutschland und man ist auf unzähligen Ausflügen und Parties eingeladen.
Jedoch solltet ihr Euch im Punkt Freundschaften keine Illusionen machen: Es dauert seine Zeit, bis man einen festen Freundeskreis gefunden hat. Bei mir hat das fast vier Monate gedauert. Doch auch wenn Ihr am Anfang manchmal das Gefühl haben solltet, dass das nie klappt mit den Freunden und dass Euch nie jemand anruft - verliert nicht den Mut! Dran bleiben heißt das Motto! Irgendwann rufen auch die Freunde von ganz alleine mal an und dann habt Ihr’s geschafft! Dann gibt es unzählige Shoppingtrips und Parties, Videoabende und Sleepovers. Um diesen Prozess zu beschleunigen, kann ich Euch nur den Tipp geben, so viel wie möglich an den angebotenen Schulaktivitäten teilzunehmen: spielt in einem Sportteam mit und macht bei einem (oder mehreren!) der sogenannten Clubs mit, die es an fast jeder High School gibt. Je mehr ihr macht, desto besser ist es! Keep busy!
Der Unterricht an sich fiel mir in den USA in den meisten Fächern recht leicht. Die “fremde” Sprache bringt einen nur in den ersten paar Tagen zur Verzweiflung. Ganz schnell hat man selber den übelsten Slang drauf und spricht ein Kauderwelsch, mit dem man in Deutschland jeden Englischlehrer zur Verzweiflung bringt. Ich bin noch heute stolz auf mein “furchtbares Amerikanisch”!
Urlaub auf HawaiiWas mich an der High School besonders fasziniert und sofort angesteckt hat, ist der amerikanische School Spirit. Klamotten in den Schulfarben bei Sportveranstaltungen tragen, Homecoming, das Schulmaskottchen und der Stolz darauf, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein, gehören in Amerika zum Schulalltag. Gerade beim Homecoming spielt der School Spirit eine ganz große Rolle. Wie der Name schon sagt, wird der Beginn des neuen Schuljahres als ein “Nachhausekommen” gefeiert. An meiner Schule dauerte Homecoming gleich eine ganze Woche, in der neben dem Unterricht die verschiedensten Aktivitäten, Spiele und Wettkämpfe zwischen den einzelnen Jahrgangsstufen statt fanden. Go Juniors! - denn jeder Jahrgang versuchte natürlich, dabei am besten abzuschneiden und in der Gesamtwertung den ersten Platz zu ergattern. Die beiden absoluten Höhepunkte des Homecoming sind und bleiben aber dennoch das Homecoming-Footballgame - welch’ Schande, wenn die eigene Mannschaft das nicht gewinnt - und der Homecoming-Dance.
Mitte November hatte ich dann den ersten Tiefpunkt während meines Aufenthaltes in den USA erreicht. Ich fühlte mich in Half Moon Bay so wohl, dass ich meinen Aufenthalt gerne von fünf auf zehn Monate verlängern wollte. Als ich von meiner Gastmutter erfuhr, dass sie mich trotz des guten Verhältnisses, das wir zueinander hatten, im Februar nach Hause schicken wollten, brach für mich meine kleine amerikanische Welt zusammen. Es fing doch gerade erst richtig an, da konnte doch nicht schon wieder alles vorbei sein! Zum Glück habe ich nicht so schnell aufgegeben und obwohl meine Koordinatorin versprochen hatte, nach einer neuen Gastfamilie für mich zu suchen, habe ich selbst die Initiative ergriffen. Ich habe einfach an der High School herumgefragt, ob nicht irgendwer eine Austauschschülerin für fünf Monate aufnehmen möchte. Auf diesem Weg habe ich dann auch tatsächlich eine neue Gastfamilie gefunden und, nachdem einige Formalitäten geklärt waren, bin ich Anfang Februar umgezogen. Zuvor habe ich aber noch ein total cooles Thanksgiving in L.A., wunderschöne amerikanische Weihnachten und ein klassisch ödes Silvester ohne Raketen mit meiner ersten Gastfamilie gefeiert. Doch so schön mein erstes Halbjahr in Half Moon Bay gewesen ist, das zweite war noch viel besser!
Meine zweite Gastfamilie war super. Ich hatte zwei Gastgeschwister, die leider während meines Aufenthaltes fast gar nicht zu Hause waren. Mein “großer Bruder”, Sam, war schon auf dem College in Oregon und kam nur in den Ferien nach Hause, und meine Gastschwester, Anna, die so spontan “ja” gesagt hatte, als ich eine neue Gastfamilie suchte, war selber für vier Monate als Austauschschülerin in Israel. Doch obwohl Sam und Anna kaum da waren, habe ich unheimlich viel mit meinen Gasteltern unternommen: Wir sind zusammen gewandert, im Fitnessstudio gewesen und waren oft gemeinsam mit den Mountainbikes unterwegs.
Natürlich hatte ich während meiner Zeit in Amerika auch Gelegenheit, ein wenig zu reisen: Meine erste Gastfamilie und ich haben gleich in den ersten paar Wochen meines Aufenthaltes Ausflüge in die näherliegenden, bekannten Städte gemacht: Monterey, Santa Cruz und natürlich nach San Francisco. Mit einer Gruppe von Austauschschülern war ich auf Hawaii und mit meiner ersten Gastfamilie am Lake Tahoe und in L.A. Im Frühjahr habe ich dann noch mit meiner zweiten Gastfamilie und den Barrys ein verlängertes Wochenende in Yosemite verbracht, wo wir fast von einem Bären gefressen worden wären (oder sollte das doch nur mein erster Gedanke gewesen sein, als das Vieh plötzlich keine 10 m vor mir stand? Egal…).
PromnightAber genug vom Reisen, zurück zum amerikanischen Schulalltag: Das neben Homecoming wahrscheinlich größte Ereignis im Verlauf des amerikanischen Schuljahres ist die Prom. Die Prom ist der Abschlussball der Seniors und auch wenn es sich dabei um eine sehr kostspielige Veranstaltung handelt, lohnt sich die Investition auf jeden Fall. Nicht nur die Prom selber ist ein Ereignis, was mir unvergesslich bleiben wird, sondern allein die Vorbereitung machen wahnsinnig Spaß und sind total aufregend: Ballkleid und Schuhe müssen besorgt werden - 30 Kleider anprobieren ist Pflicht, Mädels! - Make-up und Frisuren müssen ausprobiert werden, und natürlich ist die Spannung groß, von wem man nun eingeladen wird. Das Blumensträußchen für den Tuxedo des Dates muss ausgesucht werden, und natürlich wird eine Limousine gemietet, mit der man am Promabend von zu Hause abgeholt wird. Bei mir fand die Prom auf einer Yacht statt, die man extra für solche Anlässe chartern konnte und die bis Mitternacht durch die San Francisco Bay kreuzte. Es war toll!
Doch da die Prom meist im letzten Quartal stattfindet, war dieses Highlight dann auch schon fast das Letzte und das Ende kam viel zu schnell in Sicht. Es gab Jahrbücher, die letzten Finals wurden geschrieben, die Graduation-Ceremony der Seniors fand statt, Zeugnisse wurden zugeschickt und dann war auf einmal der letzte Schultag da. Tja, und mit dem letzten Schultag begann dann auch der Countdown bis zum Rückflug.
Ich glaube, der Tag der Abreise war der schrecklichste Tag in meinem Leben. Ich konnte mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als zurück nach Deutschland fliegen zu müssen. Beim Abschied am Flughafen haben wir uns alle weinend in den Armen gelegen und im Flugzeug habe ich es geschafft fünf Stunden durchzuheulen (reife Leistung, was?!). Die Leute neben mir müssen gedacht haben, ich sei total verrückt!
Zurück in Deutschland ist es mir am Anfang oft schwer gefallen und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich wieder eingelebt hatte. Doch mittlerweile lasse ich nicht mehr grundsätzlich alle Zimmertüren offen stehen und melde mich auch wieder mit meinem Namen am Telefon ohne ein amerikanisches “Hellloooo!” in den Hörer zu brüllen. Wenn ich jetzt an dieses Jahr in Half Moon Bay zurückdenke, blicke ich auf eines der schönsten Jahre in meinem bisherigen Leben zurück. Das Abenteuer “Ein-Jahr-Austausch-in-den-USA” ist eine tolle Chance, die man nur einmal im Leben bekommt und wirklich nutzen sollte.
Ich habe viel aus dieser Zeit in Amerika mitgenommen. Nicht nur, dass ich die Sprache beherrsche, sondern ich bin in diesem Jahr sehr selbständig geworden, habe viele tolle Erfahrungen gesammelt und mindestens drei neue Familien gewonnen. Ich bin seit meiner Rückkehr im Sommer 1997 bereits zweimal wieder in Half Moon Bay bei meiner Gastfamilie gewesen und habe in diesem Jahr meinen Bruder in Half Moon Bay in “meiner Familie” untergebracht. Ich wünsche ihm, dass sein Aufenthalt in den USA genauso toll verläuft wie meiner vor vier Jahren und Euch anderen wünsche ich das auch!
Viele Grüße,
Anne Thissen